Neues Zentralgebäude – Kritik aus der Student*innenschaft anlässlich der Einweihung 2017

Das, was wir sehen und erleben, hat Einfluss auf unser Denken und Handeln. Unser neues Zentralgebäude wird neue Wege eröffnen, wie wir unsere Universität erleben, wie wir mit der Vergangenheit umgehen, was wir in der Gegenwart wagen und wie wir in die Zukunft wirken.

Sascha Spoun, Montagsmail 06.02.2017

Am 11. März wird nach etwa zehnjähriger Planung das Zentralgebäude unserer Universität eröffnet. Das Präsidium ist euphorisch und optimistisch, dass jetzt alles gut wird – wir eher nicht so. Das, was wir nicht sehen und erleben können, kann nämlich auch einen großen Einfluss auf unser Denken und Handeln haben. Daher finden wir es wichtig, über die von Präsidiumsseite nicht präsentierten Kritikpunkte an dem Bauprojekt zu informieren – neben Bauzeitverlängerungen und Kostensteigerungen zum Beispiel auch privatwirtschaftliche Verstrickungen. Wir wünschen uns, dass die Universitätsgemeinschaft es schafft, reflektiert mit der Vergangenheit umzugehen, in der Gegenwart Offenheit und Transparenz zu wagen und für die Zukunft Konsequenzen aus dem Geschehenen zu ziehen!

Hier könnt ihr eine Chronik der Planung und des Baus lesen sowie die Kritik, die wir daran üben.

Die Entstehung des Zentralgebäudes – eine Chronik wesentlicher Ereignisse

2006: Das Jahr der Gerüchte

Im Jahr der Amtseinführung von Präsident Sascha Spoun und dem ehemaligen hauptamtlichen Vizepräsidenten Holm Keller gibt es das erste Mal Gerüchte über die Planung eines Zentralgebäudes, die seitens der Unileitung stark dementiert werden – „Das Audimax ist ein Komplettgerücht“ (Holm Keller). Daniel Libeskind – Stararchitekt und späterer nebenberuflicher Professor in Lüneburg – gibt ein Seminar in New York, das sich mit der Entwicklung eines Zentralgebäudes beschäftigt.

2007: Offizieller Beginn der Planungen

Im folgenden Jahr bestätigen sich die Gerüchte: Libeskind präsentiert in seiner Antrittsvorlesung Modelle für ein Zentralgebäude. Eine Baugenehmigung wird eingeholt. Die geplanten Kosten liegen bei 56 Millionen Euro, Fertigstellung soll 2011 sein.

2011: Grundsteinlegung

Am 8. Mai 2011 erfolgt dann nach der Baugenehmigung die Grundsteinlegung mit einer vorgesehenen Fertigstellung 2014. Im selben Jahr manifestieren sich Korruptionsvorwürfe gegenüber Keller, aufgrund einer Prüfmitteilung des Landesrechnungshofs. Dieser kritisiert u.a. das Sponsoring durch die Rheinzink GmbH, einer (ehemaligen) Geschäftspartnerin von Keller und Libeskind, für die Gebäudefassade, weil dadurch der Wettbewerb unterlaufen worden sei. Der Landesrechnungshof schreibt dazu: „Die gegenseitigen wirtschaftlichen Interessenlagen – insbesondere unter Beteiligung des Vizepräsidenten der Leuphana – zeichnen ein Bild, dass das geforderte objektive Beschaffungshandeln einer öffentlich-rechtlichen Stiftung in Zweifel ziehen konnte.“(Maßnahmeprüfung 1) Würde die Antikorruptionsrichtlinie für öffentliche Einrichtungen gelten, die Stiftungen (wie unserer Uni) nahegelegt wird, wäre von einer Verletzung dieser zu sprechen. Außerdem war die „Bauunterlage nicht abschließend prüfbar“ und der Landesrechnungshof sieht die Finanzierung „nicht als vollständig gesichert“ an. Deshalb empfiehlt er eine erneute Prüfung der Ministerien sowie ggf. alternative Finanzierungsmöglichkeiten.

2013: Gestiegene Kosten, längere Bauzeit

In diesem Jahr wird erstmals von Uniseite zugegeben, dass weder Zeit- noch Kostenplan eingehalten werden können. Daraufhin wird vom Ministerium für Wissenschaft und Kultur unter rot-grüner Landesregierung eine externe Aufsicht eingestellt. Im selben Jahr ermittelt OLAF, die Anti-Korruptionsbehörde der EU (welche den Bau mit 14 Millionen Euro unterstützt), gegen Keller und stellt einige Unregelmäßigkeiten in Vergabeverfahren sowie mutmaßliche finanzielle Interessen Kellers fest. Daraufhin beginnt die Staatsanwaltschaft Verden Ermittlungen gegen ihn, wegen Untreue und Subventionsbetrug, die aber 2014 eingestellt werden, weil zu wenige Beweise für einen Anfangsverdacht bestehen. Außerdem gibt es die Fortsetzung der Maßnahmeprüfung des Landesrechnungshofs, in der die von der Uni in Anspruch genommenen Beratungsleistungen untersucht werden. Es werden Unregelmäßigkeiten und verfehlte Inanspruchnahmen festgestellt, z.B. die Bevorteilung eines bestimmten Architekten und der mehrfache Verstoß „gegen den Grundsatz der Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit“.

2014: Rücktrittsforderung ans Präsidium

Im folgenden Jahr veröffentlicht dann die Oberfinanzdirektion einen Prüfungsbericht, der erhebliche Planungsmängel feststellte. Außerdem wird festgestellt, dass ein Abriss unter Umständen billiger wäre als der Weiterbau. Dieser Bericht wird von AStA und StuPa als so belastend angesehen, dass sie Sascha Spoun und Holm Keller zum Rücktritt auffordern.

2015: Richtfest

Das Richtfest findet am 19. Januar statt. Dabei stehen zwar noch nicht alle Gebäudeteile, die finale Bauhöhe von 37 m ist aber erreicht.

2017: Einweihung

Nach zehnjähriger Planung wird der Bau am 31. Januar von der Bauaufsicht abgenommen – die 14 Millionen Euro von der EU sind damit gesichert. Am 11. März folgt nun der „Auftakt zur Eröffnung des Zentralgebäudes“ mit Gästen aus der Wissenschaft und Gesellschaft, Professor*innen sowie ausgewählten Vertreter*innen der restlichen Universitätsgemeinschaft, von 9.000 Student*innen sind dabei zwölf eingeladen. Im Laufe des Jahres wird es dann die Umzüge und Umstrukturierung des Campus geben, damit es zum Wintersemester ganz in den Universitätsbetrieb integriert werden kann.

Unsere Kritik – Wie interpretieren wir die Tatsachen?

Prestige statt Zweck

Das Gebäude dient nicht den Uni-Zwecken Forschung und Lehre, sondern vor allem einem guten Image der Uni. Bei den Planungen und der Umsetzung stand von Anfang an nicht der Nutzen für konkrete universitäre Aufgaben im Fokus, sondern die Vermarktung der Universität als angeblich überregional herausragend.

Das Zentralgebäude ist nicht bedarfsgerecht!

Insgesamt geht der Uni durch Gebäudeverkäufe Platz verloren (ca. 3.500m²) und auch mit dem Neubau werden wir keine Ein-Campus-Uni, wie angestrebt wurde. Außerdem passen auch in den neuen Hörsaal nur 1200 Menschen (davon nur 800 in der normalen Bestuhlung mit Tischen), also kein kompletter Ersti-Jahrgang. Weiterhin kritisieren wir, dass das Erdgeschoss vorwiegend für kommerzielle Zwecke nutzbar ist und nicht für die Uni. Die Vermietung ist dabei auch Bestandteil der Finanzierung – ob pro Jahr tatsächlich 150.000 € Einnahmen durch externe Veranstaltungen generiert werden können, bleibt abzuwarten. Darüber hinaus hat die Uni für die Nutzung der Kellerflächen als Maschinenhalle keine Genehmigung beantragt und muss einen entsprechenden Antrag noch nachreichen – damit ist die Situation für die Ingenieurswissenschaften nach wie vor nicht geklärt.

Hohe Kosten und große Verschwiegenheit

Die Kosten des Gebäudes sind nicht nur viel höher als ursprünglich veranschlagt – was laut Uni teilweise auf „Pech“ sowie die längere Bauzeit zurückzuführen sei – sondern auch viel höher, als sie für ein neues, zweckmäßiges Unigebäude hätten sein müssen. Diese Umlagerung von Steuergeld in Privatunternehmen sehen wir höchst problematisch. Das gleiche Geld hätte besser für anderes öffentliches Interesse eingesetzt werden können, z.B. eine bessere Finanzierung der grundständigen Lehre. Innerhalb der Universität hätte es außerdem eine offene Kommunikation über die Kostensteigerungen und längeren Bauzeiten geben müssen.

Schiefe Wände? Nicht so nachhaltig!

Die Uni stellt immer wieder vor, dass das Gebäude besonders effizient und nachhaltig sei. Durch die schiefen Wände geht aber sehr viel Volumen verloren, die Versiegelungsfläche hätte für mehr Nutzfläche zur Verfügung stehen können. Beton sehen wir auch nicht gerade als nachhaltigen Baustoff an, auch die Haltbarkeit solcher modernen Gebäude ist fragwürdig (s.Kanzleramt)…

Studentische „Beteiligung“

Die Uni schmückt sich immer wieder mit der großen studentischen Beteiligung am Bau. Das stimmt allerdings gar nicht – Student*innen haben am Entwurf ganz wenig verändert und nur bei Energieeffizienzmaßnahmen ein wenig mitreden dürfen. Eine Einbindung der studentischen Gremien, zum Beispiel durch eine Erfragung des Raumbedarfs, ist zudem nie erfolgt.

Bevorteilung privater Netzwerke

Nicht nur Libeskind und Rheinzink sind ehemalige Geschäftspartner*innen von Keller – wie in mehreren Berichten deutlich wurde, haben auch weitere maßgeblich beteiligten Architekt*innen und Architekturbüros in der Vergangenheit mit Libeskind und/oder Keller zusammengearbeitet. Dabei wurden laut Berichten mehrmals Ausschreibungspflichten verletzt – hier liegt der Verdacht nahe, dass gezielt Bekannte von Keller bevorteilt wurden.

Fehlende Bauaufsicht von Seiten des Ministeriums

Immer wieder wiesen Landesrechnungshof und Oberfinanzdirektion darauf hin, die von der Universität vorgelegten Akten seien unvollständig und nicht prüffähig. Das CDU-geführte Wissenschaftsministerium stellte sich dennoch immer wieder unkritisch hinter die Universitätsleitung; eine externe Bauaufsicht wurde erst 2013 eingeführt. Wir kritisieren diese Praxis, Universitäten in Rollen zu drängen, die nicht ihre Hauptqualifikation sind: In diesem Fall das Management eines baulichen Großprojekts ohne hinreichende externe Unterstützung.

Weitere Informationen: asta-lueneburg.de/zentralgebaeude